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2007/04/26

: Tschernobyl 21

atom

21 Jahre nach dem GAU von Tschernobyl werden heute einige Mahnwachen an die Katastrophe erinnern.
Der ukrainische Präsident Juschtschenko enthüllt ein Denkmal für die Tschernobyl-Opfer, meint er die 9.000 Opfer, die die WHO akzeptiert, oder die mindestens 90.000 Toten und mehr als 275.000 verstrahlten Menschen, von denen Greenpeace spricht? Relativ lässige und rührselige Proteste wenn man bedenkt, dass Europa vor -beinahe auf den Tag genau- 9 Monaten mit viel Glück an einem erheblich folgenschwereren GAU im schwedischen AKW Forsmark vorbei geschrammt ist.

Neue Erkenntnisse zum Tschernobyl-GAU, die massiven Forderungen zur Laufzeitverlängerung der bundesdeutschen Kernkraftwerke und bedrückende Anzeichen einer nahenden globalen Klimakatastrophe würden eher für vehementere Demonstrationen sprechen. Der Widerstand ist in die Jahre gekommen, und neue, zu den drängenden Problemen adäquate, fantasievolle und analoge Protestformen müssen offenbar noch entwickelt werden.

Florian Rötzer hat einen Artikel des britischen Telegraph übersetzt, und beschreibt darin warum es nach Tschernobyl über Weißrussland regnete. Ein russischer Major bestätigte in einer BBC2-Dokumentation Vermutungen, dass die radioaktiven Wolken nach der Tschernobyl-Katastrophe von russischen Flugzeugen geimpft worden seien, um Moskau zu schützen. "Wenn die Aussage von Gruschin zutrifft, hätten die Russen zu ihrem Schutz viele Tausend Quadratkilometer in Weißrussland durch das Impfen der Wolke kontaminiert und so die Menschen dort geopfert."

EnBW-Chef Utz Claassen verlas derweil im Stern seine eigene Protestnote. Danach sollen die Laufzeiten der Kernkraftwerke um weitere zehn Jahre verlängert werden - über die im Ausstiegsgesetz von 2002 festgelegten Fristen hinaus. Im Gegenzug soll nach Claassens Vorstellung das Ende der (sogenannten) friedlichen Kernenergienutzung im Grundgesetz verbindlich festgeschrieben und der Klimaschutz als Verfassungsziel ebenfalls ins Grundgesetz aufgenommen werden. Schon pfeift die Vertretung der Atomlobby Claassen zurück, und fordert ungebremsten Ausbau der Kernenergie. "An der Neubewertung der Kernenergie in Deutschland führt kein Weg vorbei," erklärt der Präsident des DAtF, Dr. Walter Hohlefelder. Die Atomlobby brüstet sich derweil gern mit dem Argument der CO2-freien Atomkraft als Klimaretter. Eine neue Studie vom Öko-Institut zeigt ein anderes Bild.

Statt an veralteten Technologien festzuhalten, wäre es visionär, die aktuelle Wirtschaftsbelebung und die damit verbundenen Gewinne in zukunftsorientierte Projekte zu investieren. Die erneuerbaren Energien konnten im Jahr 2006 ihren Anteil an der bundesdeuten Stromerzeugung lediglich auf fast 12% (2005 10,4%) steigern. Neben den Jubelmeldungen zur Innovations- und Umsatzkraft deutscher Solar-Unternehmen sollte man vielleicht wissen, dass die energietechnische Forschung in Deutschland sich heute in vielen Bereichen nur noch mit kurzfristigen Themen befasst und kein Gesamtkonzept verfolgt. Die Studie Energieforschung 2020 stellt fest, dass Japan für die Energieforschung pro Kopf der Bevölkerung über 30 US-Dollar ausgibt, die USA 10 Dollar. Deutschland allerdings investiert nur 6,20 US-Dollar.

In einigen Wochen wird auch das Bundesumweltministerium einundzwanzig. Gegründet im Wahlkampf nach Tschernobyl, sollte es zunächst die Bevölkerung beruhigen. Zum kommenden Jahrestag von Tschernobyl wird der Bundesumweltminister im 50 Millionen Euro teuren und ökologisch einwandfreien Neubau aus Glas und Naturstein am prominenten Potsdamer Platz in Berlin residieren. Vielleicht ist dann Umweltschutz wieder mehr als nur medialer Pop.

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tags : chernobyl, global warming, nuclear, photography, renewable