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2008/02/01

: Media Reality by Ztohoven

Die Staatsanwaltschaft im nordböhmischen Trutnov hat eine Klage gegen Mitglieder der Künstlergruppe Ztohoven erhoben, und sechs art-guerillas festgenommen, die der 'Panikmache' und 'Verbreitung falscher Informationen' beschuldigt werden.

ztohoven 2003
? | Ztohoven 2003

Die Aktivisten hatten im Juni 2007 eine Wetterkamera des öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehens CT2 in der Nähe des Dorfes Cerny Dul (Riesengebirge) mit einem Laptop gehackt, und ein vorbereitetes Video eingespielt. Nach typischen nebligen Bergpanoramabildern überstrahlt plötzlich ein Lichtblitz den Bildschirm, und ein Atompilz in der morgendlichen Landschaft suggeriert die Detonation einer Atombombe. Nur die eingeblendete Internetadresse ztohoven.com deutet auf die Manipulation hin.

CT2 erklärt, dass an diesem Sonntagmorgen weniger als 50.000 Zuschauer die Bilder gesehen haben, dennoch erstattete der Sender Anzeige, da das Video geeignet gewesen sei "in großen Bevölkerungsteilen Panik auszulösen".

Roman Tyc, ein Mitglied der subversiven Künstlergruppe, bestreitet Spekulationen darüber, die Aktion stehe in Zusammenhang mit der aktuellen Drohung Russlands, Mittelstreckenraketen auf den Standort des geplanten US-Radars in der Tschechischen Republik zu richten. Ztohoven wollte mit der Aktion auf die Manipulierbarkeit von TV-Bildern aufmerksam machen und eine Debatte darüber anregen. Ztohoven in einem Statement zu ihrer seit 3 Jahren vorbereiteten Aktion:
“We are neither a terrorist organization nor a political group, our aim is not to intimidate the society or manipulate it, which is something we witness on daily basis both in the real world and in the world created by the media…"

Der provokante Eingriff ins Frühstücksfernsehen hat eine kontroverse Debatte darüber ausgelöst, wie weit Kunstaktionen gehen dürfen. Erst im vergangenen Dezember hatte Ztohoven für die 'Media Reality' genannte Performance den mit 18.000 US$ (333.000 Kronen) dotierten Kunstpreis NG 333 der Prager Nationalgalerie erhalten. Präsident Milan Knizag äusserte sich begeistert: "Sie sind aus dem Kammerspiel-Kunstterritorium ausgebrochen und haben den öffentlichen Raum erreicht mit dem Ziel, die Gesellschaft in provokanter Weise zu konfrontieren". Nun ist damit zu rechnen, dass das Preisgeld für die Anwaltskosten ausgegeben werden muss.

Der gezielte TV-Hack ist die nucleare Kurzversion der fiktiven Reportage nach H.G.Wells Roman War of the Worlds | mp3 / archive.org |, die Orsen Welles 1938 als Hörspiel bei CBS senden konnte. Der Handlungsort der Originalvorlage wurde damals nach New Jersey verlegt, und führte bei der Bevölkerung zu erheblichen Irritationen, da man das Hörspiel für eine authentische Reportage hielt, und ein tatsächlicher Angriff Außerirdischer befürchtet wurde. Dagegen war die direkte tschechische Zuschauerreaktion am frühen Sonntagmorgen gering. Erst die ständigen Wiederholungen der simulierten Atomexplosion in den Fernsehnachrichten und die Veröffentlichung des Videos im Internet erreichten eine größere Öffentlichkeit.

Roman Tyc, der bereits durch frühere öffentliche Aktionen bekannt wurde, ist mit der Reaktion auf die TV-Performance durchaus zufrieden, und verweist auf das News-Forum der Gruppe. Roman Tyc hatte im April 2007 für Schlagzeilen gesorgt, als er in einer Nacht- und Nebelaktion in Prag dutzende Ampelmännchen ausgetauscht und durch liegende, pinkelnde und trinkende Fantasiefiguren ersetzt hatte. In einem “Bekennerschreiben” hatte er seine Tat damals 'beispielhaft' genannt: Die Menschen sollten sich die Männchen zum Vorbild nehmen und “ebenfalls starre Positionen verlassen”.



"...We hope our action will become an appeal for the future and remind the media of their duty to bring out the truth. Thank you for independent media and free space for our society."

Tschechien als wahrhaftige europäische Enklave, in der die 'Verbreitung falscher Informationen' strafbar ist?
Uwe Haack

update : 2008/03/25
TV-Hack Media Reality keine Straftat
Heute wurde die Klage gegen Mitglieder der Künstlergruppe Ztohoven am Bezirksgericht in Trutnov (Nordböhmen) verhandelt. Richterin Stanislava Suchánková folgte nicht dem Vortrag der Staatsanwaltschaft, dass es sich bei TV-Performance 'Media Reality' um 'Panikmache' oder 'Verbreitung falscher Informationen' handelte. Sie schloss die Verhandlung mit den Worten: "Die vorliegende Handlung ist keine Straftat, und darum spreche ich alle Beschuldigten von der Anklage frei." Das wohlwollende Urteil weicht der entscheidenden Frage nach der Strafbarkeit der 'Verbreitung falscher Informationen' aus, und legalisiert damit auch den tagtäglichen Medien-Mix aus Propaganda und seichter Unterhaltung als künstlerische Informationsshow.

David Brudňák aka Roman Tyc nahm den Freispruch erleichtert auf, die Staatsanwaltschaft hatte gefordert, die Angeklagten zu 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit zu verurteilen.
via | Tschechien online |

A broadcast of Czech Television (CTV) was attacked by the free subversive group Ztohoven in June 2007. Ztohoven had spotted a weak point in the television system and broadcast a fictitious nuclear explosion over an actual weather report on the Czech regions.
:. Court clears Czech nuclear pranksters of charges | earthnews
:. That Mushroom Cloud? They’re Just Svejking Around | NYTimes
:. Statement made by art group Ztohoven
:. Ztohoven vs. Czech Television
:. ztohoven.com

tags : art culture jamming ztohoven