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Natur-Park Schöneberger Südgelände, Berlin

Wild wuchernde Natur ist nicht allein ein Merkmal von Nationalparks oder Biosphärenreservaten. Ungenutzte kleine Winkel, die bereits nach kurzer selbstüberlassener Zeit ein üppig wucherndes Eigenleben führen können, gibt es beinahe in jedem noch so verdichteten Großstadtareal. Selten ist es allerdings ein so prächtiges Gelände wie das Schöneberger Südgelände in Berlin. Der folgende -leicht gekürzte- Bericht erscheint mit freundlicher Genehmigung der Grün Berlin Park und Garten GmbH.

Wahre Wildnis in der Stadt
Mitten in der Großstadt rechnet man mit Wildnis schon gar nicht. Am allerwenigsten vermutet man sie dort, wo die Technik ihre Spuren hinterlassen hat wie auf einem stillgelegten Bahnhof. Doch gerade hier hat sich in Berlin eine kleine grüne Oase ohne menschliches Zutun entwickelt. Alte Bahnrelikte, moderne Kunst und wild wuchernde Natur verbinden sich heute zu einer eigenen kleinen Welt. Wer den Natur-Park Schöneberger Südgelände besucht, kann sie entdecken.

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Pionierwald im ehemaligen Gleisbett

Über 70 Jahre lang war das Schöneberger Südgelände Rangierbahnhof und Standort für ein Ausbesserungswerk der Reichsbahn. Der 1889 fertiggestellte Rangierbahnhof gehörte zu den leistungsstärksten Bahnanlagen Berlins. Nach dem 2. Weltkrieg führten die besonderen politischen Verhältnisse in Berlin dazu, dass der Bahnbetrieb schrittweise bis 1952 eingestellt wurde. Danach fiel das Gelände brach und blieb Jahrzehnte sich selbst überlassen. Die Natur eroberte das Gebiet und entwickelte einen Reichtum, der selbst Naturschützer und Wissenschaftler in Staunen versetzte. Doch Anfang der 80er Jahre sollte die Fläche einem neuen Güter- und Rangierbahnhof zum Opfer fallen. Jahrelanger Widerstand von Bürgerinitiativen und der Nachweis des ökologischen Wertes durch Fachgutachten stimmten Politik und Verwaltung allmählich um. Die Idee eines Natur-Parks wurde geboren. 1995 übereignete die Deutsche Bahn AG dem Senat 18 Hektar der Flächen. Sie dienten als Ausgleich für Eingriffe in die Natur, die im Zusammenhang mit dem Ausbau von Verkehrsanlagen in der Innenstadt entstanden. Nun konnte die Idee des Natur-Parks Schöneberger Südgelände schließlich verwirklicht werden und die Ausweisung als Schutzgebiet erfolgen. Die landeseigene Grün Berlin GmbH begann mit der naturverträglichen Erschließung und Gestaltung, die großzügig mit 1,8 Millionen DM von der Allianz Umweltstiftung gefördert wurde. Die Gesamtkosten für den Ausbau des Südgeländes beliefen sich auf 3,5 Mio. DM. Der Natur-Park wurde im Jahr 2000 der Öffentlichkeit übergeben.

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Heckenrose

Das Farbenspiel der Natur genießen
Ein Besuch im Natur-Park lohnt sich zu jeder Jahreszeit. Von Frühsommer bis Herbst vollzieht sich im Wald und auf den Wiesen ein wahres Farbenspiel. Schon im April fallen im Tälchenweg die ersten blühenden Obstbäume auf. Wer das Gelände Ende Mai besucht, kann die Wildrosenblüte erleben, die den alten Bahnhof in eine rosa "Märchenlandschaft" verwandelt. Die artenreichen Trockenrasen entfalten ihre volle Pracht im Juli. Nun zeigen sich gelbe Sand-Strohblumen und die seltenen Habichtskräuter. Etwas später lassen sich die großblütigen Nachtkerzen bewundern. Nach und nach erblühen violette Rispen-Flockenblumen, weiße Karotten und Sichelmöhren. Im September reifen die leuchtend roten Hagebutten der Rosen und orangenen Beeren des Sanddorns im Sonnenlicht. Hier und da kommen auch die schönen roten Fliegenpilze zum Vorschein. Auch der Laubwald lädt stets zu einem Spaziergang ein. Bereits im Frühjahr setzen die zarten gelben Blüten des Schöllkrauts erste Farbtupfer. Das Konzert der Vögel ist nun besonders eindrucksvoll in den Morgen- und Abendstunden zu hören. Wenn die Tage länger werden, schließt sich das Blätterdach der Robinien und der Duft ihrer großen weißen Blüten bezaubert den Besucher. An den Waldrändern ist das purpurrote Weidenröschen zu sehen. Im Juli überzieht der weiße Blütenschleier der Waldrebe die Gehölze - im Herbst verleiht ihnen der Wilde Wein ein rotes Kleid.

Von Heuschrecken und Wildbienen
Wärmeliebende Wildbienen, Heuschrecken und Schmetterlinge profitieren besonders von der Lichtung. Magere Rasen, Kraut- und Staudenfluren bilden hier ein Blütenparadies, das fast 100 hochspezialisierte Wildbienenarten angelockt hat. Eine von ihnen ist die Seidenbiene Colletes fodiens. Sie bevorzugt Sand-Strohblumen und Rainfarn als Nahrungsquelle und nutzt lichte Stellen im Sandboden zum Nestbau. Die Kuckucksbiene Epeolus variegatus wiederum ist an Seidenbienen gebunden. Dieser Brutparasit legt -wie sein Pendant aus der Vogelwelt- Eier in fremde Nester. Die schlüpfende Parasitenlarve tötet das Ei der Seidenbiene und vertilgt den "Nest-Proviant". Dieses Beispiel zeigt, wie eng manche Lebensgemeinschaften miteinander verbunden sind und Veränderungen ganze Artengefüge gefährden können.

Bahnbrachen wie das Schöneberger Südgelände bieten vielen Tieren und Pflanzen, die früher auf trockenen Heiden verbreitet waren, einen Ersatzlebensraum. So fanden der vom Aussterben bedrohte Heide-Grashüpfer Sternobothrus lineatus und die gefährdete Blauflügelige Ödlandschrecke Oedipoda caerulescens hierher. Das sommerliche Konzert der Heuschrecken macht die offenen Wiesenflächen auch akustisch zu einem Erlebnis. Markant ist vor allem der "Gesang" des Feld-Grashüpfers Chorthippus apricarius, der an eine langsam fahrende Dampflok erinnert.

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Robinienwald mit Clematis

Ein Wald entsteht
Eine besondere Faszination übt der urwüchsige Wald aus, der sich hier ungestört entwickeln konnte. Aus anfänglich lichten Baumbeständen wurde ein dichter Wald mit Unterholz. Kletterpflanzen geben ihm einen urwaldähnlichen Charakter. Der Wald nimmt inzwischen zwei Drittel des Geländes ein. Vorherrschende Baumarten sind die aus Nordamerika stammende Robinie und die heimische Birke. Beide Arten zählen zu den Baum-Pionieren, die schnell auf neuen Standorten Fuß fassen. Mit der Zeit haben sich im Boden genügend Nährstoffe angereichert, so dass auch Linde, Spitz-Ahorn und Stiel-Eiche im Unterholz aufwachsen können. Der Wald stellt ein einmaliges Beispiel für die Entstehung eines städtischen Ruderalwaldes dar und wird regelmäßig von Wissenschaftlern untersucht. Viele Veränderungen der Pflanzenwelt spiegeln sich auch in der Tierwelt wider. So steigt die Zahl der waldbewohnenden Vogelarten wie Nachtigall, Rotkehlchen und Mönchsgrasmücke. Mit zunehmendem Alter wird der Wald an Alt- und Totholz gewinnen und sich weiter verändern. Ideale Biotope für spezialisierte Pilze und Insekten entstehen, die den Wald noch vielfältiger machen.

Die Vielfalt bewahren
Doch der Naturreichtum auf dem ehemaligen Bahnhof ist in Gefahr. Denn die Bewaldung der ehemals vollständig offenen Bahnbrache schreitet rasch voran. Innerhalb von nur zehn Jahren hat sich der Waldanteil verdoppelt. Birken, Robinien und Zitter-Pappeln siedeln sich an und unterwandern mit ihren unterirdischen Ausläufern die krautige Vegetation. Hochstauden breiten sich auf den Wiesenflächen immer mehr aus. Um die wertvollen Reste der artenreichen Trockenrasen zu erhalten, werden die Offenflächen regelmäßig gemäht und Gehölze entfernt. In den vorhandenen Waldflächen werden keine Pflegemaßnahmen durchgeführt. Dort hat die ungestörte Entwicklung Vorrang. Der Natur-Park Schöneberger Südgelände war einst Teil des Rangierbahnhofs Tempelhof. Auf seiner Brachfläche hat sich in nur knapp 50 Jahren eine einmalige Naturoase mitten in der Großstadt entwickelt. Wie eine Arche Noah beherbergt das 18 Hektar große Gebiet heute eine Vielzahl seltener und vom Aussterben bedrohter Tiere und Pflanzen. Um diese ungewöhnliche Vielfalt langfristig zu erhalten und zu fördern, wurde das Gelände 1999 zum Naturschutz- und Landschaftsschutzgebiet erklärt.

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Trockenrasen im kargen Schotter

Die Natur kehrt zurück
Als der Rangierbahnhof noch in Betrieb war, sah das Südgelände wie eine typische "Bahnwüste" aus. Schienen und Schotter bestimmten das karge Bild. Von Vegetation war kaum eine Spur. Nach 70 Jahren der Nutzung wurde das Gelände durch die Teilung Berlins schrittweise bis 1952 stillgelegt. Jetzt hatten Tiere und Pflanzen wieder eine Chance. Nach und nach setzte sich die Natur durch. Mit der Zeit entstanden wertvolle Trockenrasen, Hochstaudenflure und ein urwüchsiger Wald, ohne dass der Mensch Einfluss nahm. Der Name Natur-Park soll dies verdeutlichen. Heute beeindruckt die Artenvielfalt des Natur-Parks: 30 Brutvogelarten, 57 Spinnenarten, 95 Wildbienenarten, 15 Heuschreckenarten sowie über 350 Pflanzenarten und 49 Großpilze besiedeln das Gelände. Dieser Naturreichtum wurde durch den Bahnbetrieb begünstigt, denn viele Insekten und Pflanzen breiteten sich mit den grünen Korridoren der Bahntrassen aus dem Umland hierher aus. Zudem reisten allerlei Samen und kleinere Tiere als blinde Passagiere mit den Zügen aus anderen Regionen ein.

Aus Gleisen werden Wege
Der Natur-Park Südgelände ist durch eine faszinierende Verbindung von Natur, Bahnrelikten und Kunst geprägt. Der Besucher wird über Wege und Stege geführt, die dem Verlauf alter Bahntrassen folgen. So kann das Gebiet quasi auf Schienen erlebt werden. Das Planungskonzept wurde von der Arbeitsgemeinschaft planland/ÖkoCon entwickelt. Die kreative Umsetzung des Steges hat die Künstlergruppe ODIOUS verwirklicht. Kunstobjekte setzen spezielle Akzente und bereichern das Gelände. Gerade dieses Zusammenspiel von verfallenden Zeugnissen des technischen Fortschritts, wuchernder Vegetation und Kunst macht den Natur-Park Schöneberger Südgelände zu einem europaweit einzigartigen Erlebnisraum.

Der Natur-Park verfügt über zwei behindertengerechte Rundwege. Auf dem Kleinen Rundweg von etwa 1 km Länge lassen sich Bauwerke wie Wasserturm und Drehscheibe besichtigen. Der Große Rundweg ist 2,7 km lang und führt durch das Naturschutzgebiet. Er verbindet die Trockenrasen der Zentralen Lichtung mit Robinien-Wald und Tälchenweg. Eingeschlossen ist die Liegewiese am verfallenen Stellwerk. Bänke und eine Schaukel laden hier zum Verweilen ein. Weitere Bänke befinden sich im Gelände. Der Tälchenweg führt zurück zum Eingang. Er folgt der alten Fernbahnstrecke der SachsenAnhaltiner Eisenbahn und liegt tiefer als das übrige Gelände. Dadurch bildet er einen schattigen Hohlweg.

Text und Fotos : © Grün Berlin

Im Jahr 2000 wurde der Natur-Park Südgelände als "Weltweites Projekt" der EXPO-2000 präsentiert. Weiterführende Literatur zum Natur-Park, einen Parkplan, und Informationen zu Ausstellungen und Führungen werden bei Grün Berlin angegeben. Bis zum nächsten Berlin-Besuch, bei dem nun sicher der Natur-Park Südgelände auf dem Programm stehen wird, lassen Sie sich doch auf die Wildnis neben der Haustür ein.
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Wahre Wildnis in der Stadt ist ein Beitrag zum Blog-Karneval Urbane Gärten von Reto Stauss.

Uwe Haack

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