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Die Schwerelosigkeit ist die Triebkraft alles Kreativen

Vom Cola-Rausch zum All-Orgasmus beschrieb Charles Wilp selbst seinen Werdegang. Der Düsseldorfer Kultfotograf gab dem harten Mann Puschkin-Wodka zu trinken, ließ den VW-Käfer laufen und laufen und laufen, und schickte mit seiner sinnlich aufgeladenen Werbung für Afri Cola eine ganze Nation auf einen schwerelosen Trip. Mit den ersten nackten Busen der Werbegeschichte und wollüstig stöhnenden und sich räkelnden Nonnen revolutionierte der 'Hölderlin des Pop' die Werbewelt.
(...)
Mit seiner 'Emotions-Spektroskopie', wie Wilp damals seine subversiven Werbekampagnen nannte, spiegelte er den schwerelosen Nullpunkt einer vorwärts drängenden progressiven 68er Generation wieder. Mitte der 60er Jahre kommt Wilp in Kontakt mit der Avantgarde-Beatband Monks, die archaisch und innovativ nach einem musikalischen Zero G in der Popmusik sucht. Der rhythmische, minimalistische und laute Sound der Monks repräsentierte für Charles Wilp Aufbruch und Aufstand zugleich. Er korrespondierte stark mit seinem eigenen Soundempfinden. "Die Monks waren die erste schwerelose Gruppe der Popmusik, die Vorreiter von Techno" beschreibt er die Seelenverwandtschaft in einem Interview für den Dokumentarfilm monks - the transatlantic feedback von Dietmar Post und Lucia Palacios |1. Als Charles Wilp 1967 die Monks und ihre Musik der Zukunft für seinen ekstatischen AfriCola-Rausch einsetzen wollte, waren sie bereits Legende, und der Maestro musste für seinen "sexy-mini-super-flower-pop-op-cola-("alles ist in AFRI-COLA...") -Part 1 und -Part 2" selbst zum Taktstock greifen.

Die Monks kreierten mit ihrem Solitär black monk time (1966) ein Meilensteinalbum der Popmusik, Charles Wilp reihte sich endgültig in die Warteschleife der Kunstgeschichte ein. Er betrachtete die Afri Cola-Kampagne als ersten Spin-off, als Abfallsprodukt der Raumfahrt im poetischen Sinne. Damals noch unbekannte Künstler wie Christo, Joseph Beuys und Andy Warhol klettern auf das Dach seines Wittlaer Hauses, um im Ufo vom finnischen Architekten Suroonen COLA CUM LAUDE die 60er Jahre abzuschließen.

"All Video Clips made by
Charles Wilp make a good movie."
Andy Warhol

Charles Wilp wird 1972 von Harald Szeemann mit seinem Konsumrealismus zu einer Einzelausstellung eingeladen. 1974 präsentiert die Kunsthalle Düsseldorf den Dutschke der Werbung in einer umfassenden Werkschau. Er treibt die Entgrenzung von Kunst und Massenkultur voran, und will das Spiel des Schöpferischen im Menschen wieder entdecken lassen. "Ich zeige offen die Praktiken des Verführens und lasse hinter die Kulissen schauen, wie es gemacht wird. Ich gebe Tipps, worauf der Konsument achten muss, um nicht unfreiwillig von anonymen Truppen manipuliert zu werden, damit er seine Entscheidungen selbst treffen kann, besonders im Hinblick auf die Konsumfreudigkeit der Jugend der 70er Jahre. Ich spreche den kritischen, aber offenen Verbraucher an, der bewusst die Ware auswählt, aber es mit Freude tut. Kommunikation ist Kunst, künstlerisch-politisches Mittel, das den kritischen Verbraucher schult auf die Ernsthaftigkeit. Es gibt keine leeren Versprechungen von Reichtum und Glück, sondern ich spreche die Menschen positiv an".

Als Mitarbeiter von Yves Klein kannte er die Brücken zum Einsatz immaterieller Zonen. Diese Brücken sind besonders in seinen späteren Arbeiten der SPACE ART fühlbar.

"Meine Ansprache ist zunächst antikapitalistisch,
den Markt durcheinander zu bringen
und Überfluss zu erzeugen."
Charles Wilp

Nutzte Wilp nach eigenen Aussagen in seinen Marketingkonzepten bereits naturwissenschaftliche Erkenntnisse über enthemmende niederfrequente Vibrationen und "Theorien über die Flimmerfrequenz der orgastischen Manschette", so will er jetzt mit weltraumschwerelosen Konzepten die Erlebnisbatterien beim Verbraucher neu aufladen. Nach dieser Rückbesinnung auf das Überirdische wird es still um den Chronisten der 68er Bewegung. Wilps Weggefährte Joseph Beuys ermahnte ihn vor seinem Tod: "Hör auf mit der Kittekat-Werbung. Mach was Vernünftiges!" Es entstehen Space-Collagen und Skulpturen mit denen der Werbepapst das Umweltbewusstsein schärfen will.

Mit den Worten "Ich habe genug Bilder mit dem Teufel im Bunde gemacht und mitgeholfen, die Straßen zu verstopfen. Jetzt ist es Zeit sich mit den Planeten paaren und mithelfen, die Erde aus dem Weltraum zu retten. Kunst ist, den blauen Planeten zu schützen und letztlich zu retten" enthüllt er Mitte der 80er Jahre seine Skulptur Mutter Erde vor dem Bundes-Umweltministerium. Im Hinblick auf die Entwicklung der Menschheitsgeschichte hin zu einer Weltraum-Kultur stehen wir für Wilp vor einer neuen Fontäne der Sinnlichkeit. DEEP SPACE BLACK oder die Farbe der Sinne ist schwarz. In das Unterbewusstsein der Jetzt-Zeit kommt die Weltraum-Kultur, die nicht mehr von einer Region allein getragen werden kann.

Medienprofi Wilp schöpft fortan seine Energie aus der Vorbereitung des ersten Einsatzes in der Schwerelosigkeit. Als Probant der ESA finanziert er die Arbeit im ZERO G des schwerelosen Ateliers 40000 Fuß über dem Nordatlantik. Am 25. April 1995 ist für Charles Wilp endgültig der letzte Tag für die Künstler einer alten Zeit. "Das neue Jahrtausend will mit irdisch gemachter Werbung nichts mehr zu tun haben. Zu lange war Werbung als Kunst getarnt, ihr Credo: Kommerz macht Kunst erst möglich. Das neue heißt ARTRO, kommt aus dem Weltall, der Schwerelosigkeit und schließt Werbung und Kunst ein - wie in der Musik Techno, das die Schnittpassagen in den Werbespots vorgibt", erklärt er beim Ausstieg aus der Astronautentrainingsmaschine ESA Orbitec 22.

Der ARTronaut Wilp kehrt 1996 in der Festival-Inszenierung ODYSSEE LOVE HOTEL mit dem SPACE ART PROJECT Weltgewölbe auf Documenta-Boden zurück, einer Huldigung an die fliegenden schwerelosen Gestalten in Zero G. Auf dem Rücken liegend und in die Kuppel der Sixtinischen Kapelle sehend, Purpur und Gold in den nassen Kalk fließend ist Michelangelo bei seiner Freskenmalerei nach Meinung Wilps der Schwerelosigkeit am nächsten gekommen. Fließend, scheinbar immateriell formte er fast körperlos seine amorphen Engel. "Gute Kunst der Vergangenheit, irrationalisiert, drogiert, vernebelt. Die Kunst des Neuen, der neuen Weltraum-Kultur schafft nicht nur Fantasie oder schafft nicht nur übersetzte Fantasien, sondern es ist das Neue, dass zu der Fantasie auch die Erkenntnis kommt."

Der Creativcode ist geknackt!
Werbung als ARTRO ist für Wilp die ehrlichste Kunst, die nicht versucht, das Eigentliche zu verschleiern, nämlich zu verkaufen. Kunst als Tarnung für Werbung wird transparent. Für den Wilp-Schüler Raymund Heller unterscheiden sich die im Atelier komponierten Collagen und Modelle "mit ihrer dem Erhabenen dienenden visuellen Poesie (...) in ihrer Methode stark von allen anderen uns bekannten Visualisierungsversuchen und sind von weit größerer Ausdruckskraft" |2. Spuren aus erstarrtem, weiß gefrorenem Stycast ('Engelssperma') eingebettet in goldbedampfte Satellitenfolie werden mit wunderbaren Text-Bild-Collagen kombiniert. Die Elemente einer künstlichen Synthese dienen zur Visualisierung der Großartigkeit des Universums.

"Kunst ist unnütz,
es sei denn, man verkauft damit eine Ware
oder schafft Bewusstsein."
Charles Wilp

"Der Urstoff der Kreativität ist die Schwerelosigkeit. Nur wenige alte Meister haben sie produziert, erleben konnte sie keiner, weil eben die Weltraumfahrt es erst seit 35 Jahren ermöglicht, die Schwerelosigkeit am eigenen Körper zu erleben," beschreibt Wilp seine entfesselte Sinnlichkeit in dem Portraitfilm Artronaut 2000X |3. Die Lustgefühle der Schwerelosigkeit, die die Jugend auch im Abtanzen der Raves im Techno-Rhythmus erfahren kann, sah Wilp dabei nicht als genießerischen Selbstzweck. Der selbst erzeugte schwerelose Zustand ZERO G bietet ihm eine Kontrollfunktion, die frei von Manipulationen, Kommunikationsexperten und Unternehmensberatern ist. Man kann in der schwerelosen Fantasie mehr Dinge erleben als in der Schwere - der Elefantenschwere. Trotzdem wird auch die Schwere positiv neu erlebt, und öffnet den Blick auf interessante neue Modelle, die in Erfahrung gebracht werden, "die eine neue Situation produzieren, sie bekannt machen, bewusst werden lassen."

artronaut 2000X
still from ARTRONAUT 2000X

Charles Wilp sah in den ökologischen Herausforderungen der Zukunft die Chance, durch die wir uns mental und körperlich auf eine andere Ebene unseres eigenen schöpferischen Energiepotentials vorbereiten können, "indem man die Poesie des Mitmenschen in eine andere Aktion bringt. (...) Die Menschen sind zu sehr auf ihre primitivsten Gelüste hin ausgerichtet, erzogen. Auf ihre primitivsten Instinkte als Verbrauchermenschen."

Die neue Kunst des 21. Jahrhunderts sollte für Wilp im Grenzbereich von Wissenschaft und praktizierter Sinnlichkeit entstehen. Alles schwebt in dieser neuen Schwerelosigkeitszone, Brüste und Haare stehen in einer unendlichen Schönheit im Raum. Jeder Körper im Zero G ist schön. In der Schwerelosigkeit gibt es keine Hässlichkeit. Die alten Parameter der klassischen Definition von Kunst in der Kunstwissenschaft 'Darstellung von Kult und Macht' müssten sich dafür auflösen. ARTRO sollte alles sein, was danach kommt. In allen künstlerischen Disziplinen, ob Musik, bildende Künste, Tanz, Theater und die Kreativität im interdisziplinären Sinne aller schaffenden Menschen. Die genital getriebene Kunst der Vergangenheit könnte dann von einem ganzkörperlich-schwerelosem Erlebnis abgelöst werden.

Vierzig Jahre nach dem die Monks eigentlich die Musik zu den Afri Cola-Filmen spielen sollten, nahmen sich die verbliebenen Bandmitglieder der Wilp-Musik an, und spielten eine Session mit ihren eigenen musikalischen und gesanglichen Ideen in die unendlichen Weiten des sinnlich aufgeladenen Alls, und erfüllten damit einen alten Traum von Charles Wilp ganz in seinem Sinne: "Die Kunst zeigt uns, dass es immer weiter geht."

Uwe J. Haack

Text aus dem Katalog Pop am Rhein, Hrsg. Uwe Husslein, Köln 2007

1 | monks - the transatlantic feedback. Regie: Dietmar Post, Lucia Palacios, 100' play loud! productions D 2006
2 | Raymund Heller: Kunst ist Werbung. Hommage an Charles Wilp. Düsseldorf 2005
3 | :. ARTRONAUT 2000X Regie: Uwe J. Haack , 60', D 2002

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