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Wasser, Wasser!

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Wasser ist das wichtigste Lebenselexier für den Menschen wie für die Natur. Unser wichtigstes Nahrungsmittel ist durch nichts anderes zu ersetzen. Ein Mensch muss täglich etwa 2-3 Liter Wasser trinken. Wasser ist unverzichtbar und ein entscheidender Faktor für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Der freie Zugang zum Wasser sollte daher ein Menschenrecht sein, doch der UN-Wasserbericht 2006 zeigt, dass dem nicht so ist.

Dem Bericht zufolge haben 1,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser; 2,6 Milliarden Menschen sind nicht an die Abwasserentsorgung angeschlossen. “Jeder dritte Mensch leidet unter der einen oder anderen Form von Wassermangel”, heißt es in einer Studie, die anlässlich der vom 21.-26. August in Stockholm stattfindenden Weltwasserwoche 2006 vom Internationalen Institut für Wassermanagement (IWMI) veröffentlicht wurde.
1.500 Fachleute aus 140 Ländern und UN-Organisationen debattieren den Stand der Wissenschaft und befassen sich unter anderem auch mit der Korruption im Wassermanagement. Selbst Pessimisten waren bisher davon ausgegangen, dass erst im Jahr 2025 ein Drittel der Menschheit unter Wassermangel leiden würde, die Situation ist bereits 20 Jahre früher eingetreten.

Für den diesjährigen Gewinner des vom SIWI gestifteten ‘Stockholm Water Prize‘, Asit K. Biswas, leidet die Welt nicht unter einem Wassermangel, sondern “betreiben wir ein ungeheures Missmanagement von Wasser”. Wasserknappheit habe zu 98 Prozent menschliche und nur zu 2 Prozent natürliche Ursachen. Der in Indien geborene und in Mexiko tätige 67-jährige Kanadier gewinnt die mit 150.000 USD ausgeschriebene Auszeichnung der ‘Stockholm Water Foundation’ für seine Kampfansage an den globalen Status Quo beim Wassermanagement.

Asit K. Biswas

Professor Asit K. Biswas of the Third World Centre
for Water Management | Foto courtesy Revista Summa, SIWI-PR

Die Bekämpfung der Korruption ist eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben für eine gerechtere Wasserverteilung. Durch Korruption wird nicht nur entschieden, wer wieviel Wasser und von welcher Qualität erhält, sondern auch bestimmt, wie die Kosten zwischen Individuum, Gesellschaft und Umwelt verteilt werden. Bei der Auflösung der komplexen korrupten Strukturen könnte ein Netzwerk helfen, das bereits auf dem 4. Weltwasserforum in Mexico von Ecologic und Transparency International vorgestellt wurde, und in der Weltwasserwoche seinen Start hatte. Das ‘Water Integrity Network’ (WIN) will lokale Maßnahmen der Korruptions- und Armutsbekämpfung im Wassersektor mit globalen verknüpfen. Dabei geht es sowohl um Beratungsleistungen als auch um direkte Aktionen in allen Bereichen des Wassermanagements.

Think different about water
“Auf kurze Sicht ist es vermutlich am wichtigsten, die Politik der Regierungen und den Umgang mit Wasser zu ändern”, sagte IWMI-Leiter Frank Rijsberman zur Eröffnung des Kongresses. “Die Menschen müssen in Zukunft den Wert des benutzten Wassers mehr ausschöpfen.” Die IWMI-Studie ‘Water for Food, Water for Life‘ wurde in den vergangenen fünf Jahren von rund 700 Wissenschaftlern in über 100 Instituten weltweit erarbeitet. Danach ist die Landwirtschaft weltweit das größte Problem und für 70 Prozent des Wasserverbrauchs verantwortlich, in Spanien oder Israel sind es gar bis zu 90 Prozent; 18 Prozent entfallen auf die Industrie.

Mit jedem verzehrten 250g-Steak mit Pommes könnte man auch 4 Jahre lang seinen normalen täglichen Durst (2,5l/Tag) stillen. Zur Herstellung von einer Nahrungskalorie ist ein Liter Wasser notwendig. Für das beschriebene Menu sind es 4.000 Liter. In der Fleischproduktion ist der Wassereinsatz besonders hoch, aber auch die Herstellung von nicht essbaren Produkten ist sehr wasserintensiv, z.B. Baumwolle (2000 Liter/T-shirt) oder Papier (10 Liter/1 Din-A4-Blatt). Das Unesco Institute for Water Education (Unesco-IHE) in den Niederlanden hat eine Methode zur Berechnung des ‘virtuellen Wasser-Verbrauchs‘ entwickelt. Danach verbraucht jeder Deutsche pro Tag 4.000 Liter Wasser für all die Dinge, die wir täglich kaufen, vom Steak bis zum Mikrochip.

Ganz andere Zahlen, als der moderate deutsche Durchschnittsverbrauch von 127 Litern Leitungswasser pro Tag, der gern von konservativer Seite zitiert wird. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wird Wasser hierzulande effektiv genutzt. Ein global orientierter Wasserverbrauch geht über die Regentonne oder den wassersparenden Geschirrspüler hinaus. Zu der negativen Wasserbilanz führt unter anderem auch der Import von frühen Erdbeeren und Gemüse aus der Mittelmeerregion, oder von Blumen aus Afrika. Bis eine Tasse Kaffee auf dem Frühstückstisch steht, fließen 140 Liter Wasser zu seiner Herstellung. Die massive künstliche Bewässerung dieser Produkte macht das Wasser in den Exportländern immer knapper.

Angesichts dieser Zahlen sei ein ‘radikales Umdenken‘ im Umgang mit den weltweiten Wasservorräten dringend notwendig, um eine globale Wasserknappheit in 50 Jahren zu verhindern. IWMI-Chef Rijsberman benennt aber auch positive Beispiele. Durch die Rückbesinnung auf althergebrachtes Wissen über rationellen Umgang mit Wasser und die stärkere Unterstützung des Regenfeldbaus könnte die Ernährungssituation von mehr als 800 Millionen Menschen gesichert werden, die in ländlichen Gebieten im Süden der Welt in tiefer Armut leben. Die Studie bewertet den Bewässerungslandbau nicht insgesamt negativ und erwähnt auch die Risiken des Regenfeldbaus, dass durch globale Klimaveränderungen in vielen Weltregionen Zeitpunkt und Menge von Niederschlägen immer unberechenbarer werden. “We must grow more crop by drop” ist für David Molden vom IWMI die einfache Formel für eine effizientere Wassernutzung.

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Wasser ist Kultur
“In der Geschichte ist Wasser, und vor allem sein Ursprung, die Quelle, immer Gegenstand von Verehrung und Respekt gewesen. Die Erfindung des Wasserhahns und der Mineralwasserflasche hat uns vergessen lassen, dass Wasser, bevor es aus dem Hahn fließt oder in Flaschen verkauft wird, ein Geschenk der Natur ist”, beschreibt Vandana Shiva den ethischen Ursprung einer natürlichen Ressource, die zum Wirtschaftgut und Machtfaktor geworden ist. “Wasserknappheit und Wasserreichtum sind nicht naturgegeben, sondern das Ergebnis kulturell bestimmter Umgangsweisen mit Wasser“, schreibt die indische Physikerin und Trägerin des alternativen Nobelpreises 1993 Vandana Shiva in ihrem Buch ‘Der Kampf um das blaue Gold’. ‘Wasser Ökologie’, ‘Wasser Kultur’ und ‘Wasser Demokratie’ haben in der ökonomischen Weltsicht keinen Platz.

Großprojekte wie Staudämme, Wasserpipelines oder Flussumleitungen sind oftmals Reaktionen darauf, dass Grundwasserreservoirs leer gepumpt wurden. Technische Irrwege, die Verteilungskonflikte heraufbeschwören und regional zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen können. Shiva plädiert für der Rückgriff auf traditionelle Wasserspeichersysteme und trockenheitsresistente Fruchtsorten. Ein Netzwerk lokal verwalteter Mikroprojekte kann mithilfe von Sickerbrunnen, kleinen Auffangbecken und Dämmen den Fruchtanbau an die von Jahr zu Jahr schwankenden Wassermengen anpassen.

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Die Rolle der Global Player, die die Privatisierung des Wassers vorantreiben, um daraus den größtmöglichen Profit zu schlagen, bleibt in dem bereits 2003 erschienenen Buch nicht unerwähnt. Coca Cola und Pepsi Cola haben kein Interesse an einem verträglichen Wassermanagement. Jede ihrer 90 Fabriken in Indien verbraucht 1-1,5 Mio. Liter Wasser pro Tag. Die riesigen Blumenfelder europäischer Produzenten haben den Lake Naivasha in Kenia fast zum zweiten Aralsee gemacht.

Wer die Kontrolle über die knappen Wasserressourcen hat, besitzt Macht. Ein anhaltender Konflikt besteht zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn seit der Besetzung ’strategisch wichtiger Gebiete’ im Sechstagekrieg von 1967. Israel hat seitdem “zusätzliches Wasser aus dem Jarmouk entnommen, aus dem Jordan und aus den palästinensischen Grundwasservorkommen. Dieses Wasser steht ihnen rechtmäßig nicht zu”, schildert Dschad Isaac vom Institut für angewandte Forschung in Bethlehem die arabische Sicht des nahöstlichen Wasserstreits.

Wasser ist eine facettenreiche Ressource, die dem Rohstoff Öl in seiner globalen Bedeutung schon bald den Rang ablaufen wird. UN-Generalsekretär Kofi Annan rief deshalb zur Millenniumswende zu einer “blauen Revolution” auf - bislang allerdings ohne nennenswerte Erfolge. Das 4. Weltwasserforum hat im März 2006 den freien Zugang zum Wasser nicht als Grundrecht der Menschheit festgesetzt. Das Treffen von Ministern aus über 120 Staaten ging mit dem bescheidenen Appell zu Ende, die Bedeutung des Wassers für eine nachhaltige Entwicklung der Welt anzuerkennen. Wasser bleibt damit weiterhin ein Wirtschaftsgut mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen.

Dennoch möchte ich diesen Bericht nicht mit düsteren Prognosen beenden. Ich sehe die Kraft der Veränderung in der Arbeit unzähliger weltweit agierender Einzelpersonen, die ihre Unterstützung von unabhängigen Instituten und NGOs erhalten, und in Netzwerken, die all diese Aktivitäten transparent machen. Für einen optimistischen Pessimisten ist das Wasserglas halbvoll.

Uwe J. Haack

Der Artikel wurde zuerst bei READERS EDITION veröffentlicht.