shortlist | index



index.4


Freie Kultur

Wesen und Zukunft der Kreativität


freeculture
Niemals zuvor lag die Macht zur Kontrolle von Kreativität derart konzentriert in der Hand einiger weniger – der Medienindustrie. Gemäß ihren wirtschaftlichen Interessen erstickt sie schöpferische Prozesse oder zwingt diese in für sie einträgliche Bahnen. Unsere Gesellschaft steht für den freien Markt ebenso wie für die Freiheit der Rede; warum aber lässt sie eine solche Bevormundung zu?

Lawrence Lessig kämpft für die Balance zwischen Kreativität und Kommerz; er will Kreative beflügeln, nicht einschränken. “Freie Kulturen sind Kulturen, die anderen viel zum Weiterentwickeln offen lassen; unfreie oder Erlaubniskulturen lassen weitaus weniger. Unsere Kultur war eine freie. Sie ist es in immer geringerem Maße.”

Der Juraprofessor Lessig gilt als der bedeutendste Denker zum Thema geistiges Eigentum im Internet-Zeitalter. Er veröffentlichte sein Buch “Free Culture: How Big Media Uses Technology and the Law to Lock Down Culture and Control Creativity” 2004 im Internet unter der Creative Commons-Lizenz (cc-by-nc 1.0). Gleichzeitig wurde die gedruckte Ausgabe des Buches unter vollem Urheberrechtsschutz bei Penguin Books veröffentlicht.

“Einige Leute werden es nicht kaufen, weil sie es gratis kriegen. Dann gibt es aber jene, die es zuerst im Internet sehen und es dann kaufen. Die zweite Gruppe ist größer als die erste, und deswegen ist es eine gute Idee – das nützt allen, auch dem Verlag, der mehr Profit macht,” beschreibt Lessig das Experiment in einem Interview.

Die deutsche Übersetzung “Freie Kultur, Wesen und Zukunft der Kreativität” erschien im Januar 2006 beim Münchner Verlag Open Source Press, der die komplette Ausgabe jetzt ebenfalls unter CC-Lizenz online gestellt hat.

Die umfassende Analyse des Spannungsfeldes zwischen ‘Piraterie’ und ‘Eigentum’ am kreativen Werk ist unterhaltsam geschrieben, und Lessig macht darin kein Hehl aus seinen Ansichten. “Meiner Meinung nach hat der gesunde Menschenverstand genauso viel Grund zur Auflehnung gegen die extremen Ansprüche, die heute im Namen des „geistigen Eigentums“ gestellt werden. Das Gesetz agiert heute zunehmend so albern wie ein Sheriff, der ein Flugzeug wegen Hausfriedensbruchs verhaftet. Aber die Folgen dieser Albernheit werden viel tiefgreifender sein.”

Im Vorwort plädiert er dafür, dass eine freie Kultur nur dann in der Zukunft existieren kann, wenn wir jetzt die Marschrichtung ändern. “Eine freie Kultur ist nicht eine Kultur ohne Eigentum, nicht eine Kultur, in der Künstler nicht bezahlt werden. Eine Kultur ohne Eigentum oder eine, in der Künstler nicht bezahlt werden können, ist anarchisch, nicht frei. Ich trete hier nicht für Anarchie ein.”

Vielmehr handelt es sich bei der freien Kultur, die Lessig in seinem Buch verteidigt, um ein Gleichgewicht zwischen Anarchie und Kontrolle.

Uwe Haack


Der Artikel ist ebenfalls bei Readers Edition erschienen.

lessig.amazonFree Culture | shortlist 26
link : free-culture.cc


Lawrence Lessig
Freie Kultur, Wesen und Zukunft der Kreativität
Aus dem Englischen übersetzt
von Hartmut Pilch und Annegret Claushues
Open Source Press 2006
ISBN 3-937514-15-5, 304 Seiten, EUR 24.90 | amazon