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Zorn und Zärtlichkeit


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Posthume Vergewaltigung einer bösen Tonspur
Köln, Herbst 1973. Ein Mann im Trenchcoat eilt durch enge Straßenschluchten. In ein Mikrofon schreit er seine Assoziationen des Gesehenen. “Gelber schmutziger Himmel. Gelbschmutziger Himmel. Ein gelbschmutziger Himmel. Ein gelbschmutziger Himmel über mir. ... Ein verdammter Scheißdreck von Himmel. Ein mieser gelber schmutziger Kölner verfluchter elender Kackhimmel. Ein von Lichtfetzen verkackter Himmel. Ein mieses Stück von Himmel. Ein Kackhimmel. Ein riesiger Scheißdreck von Himmel jetzt in diesem Moment, an dieser Bahnstelle, entlang der Bahn, zwischen diesen toten Bäumen.” Unruhig verfolgt die Kamera den Schimpfenden, teilweise unscharfe Bilder ringen um Nähe und Authenzität. Schnitt.

“Ich bin am 16. April 1940 geboren. 1965 habe ich mein erstes Buch veröffentlicht, 1969 habe ich aufgehört zu schreiben. Was ich jetzt mache sind Fotos und Filme.” In ruhigem Ton beginnt der nachdenkliche Alltagsrebell seine Lebensgeschichte, schwarz-weißes Super8-Material zeigt Rolf Dieter Brinkmann. Für die einen war er ein ‘unzurechnungsfähiger Poet’ (Reich-Ranicki), eine Zumutung, nicht integrierbar, für die anderen ‘das einzige Genie unter den jüngeren bundesrepublikanischen Literaten’ (Heiner Müller). Literaturkritiker listen ihn als Lyriker, was dem umfangreichen und multimedialen Schaffen in seinen letzten Jahren kaum angemessen erscheint.

1958 verläßt Brinkmann die provinzielle Enge seiner verhassten niedersächsischen Geburtsstadt Vechta, beginnt in Essen eine Buchhändlerlehre, zieht als Schauspieler mit einer Wanderbühne durchs Land und landet 1962 in der kleinkarierten, miefigen Enge Kölns. “Als ich zum ersten Mal nach Köln kam, sah ich nur noch Fratzen. Fratzen in der Straßenbahn, Fratzen auf Plätzen und Straßen. Mit ihren kleinen Büdchenfressen, ihrer kleinen Büdchenmentalität, mit ihrer Kölsch- und Halve Hahn-Mentalität und dann noch Literatur oder Kunst. Zum Scheißen. Und zum Weggehen, was ich tun werde.”

Sprechen gegen den Unsinn der Gegenwart
Bereits nach einigen Gedichtbänden und dem Roman ‘Keiner weiß mehr’ zählt Rolf Dieter Brinkmann zur literarischen Ikone, und kehrt dem betriebsamen Literaturbetrieb mit seinen selbstverliebten Kritikern den Rücken. “Wenn dieses Buch ein Maschinengewehr wäre, würde ich Sie über den Haufen schießen,” fordert er während einer Podiumsdiskussion Marcel Reich-Ranicki heraus. Der Provokateur der westdeutschen Spießer-Renaissance der satten Wirtschaftswunderjahre will mehr. Er sucht nach radikaleren Ausdrucksformen der Realität, experimentiert mit Super8-Filmen, Fotografie und Tonband-Aufnahmen im Stile des ‘instant composing’. Es entstehen Anthologien amerikanischer Underground-Literatur (ACID und Silver Screen, zusammen mit R. R. Rygulla), Hörspiele, Collagen und der Gedichtband ‘Westwärts 1 & 2’. In einem journalistischen Selbstversuch produziert Brinkmann 11 Stunden Tonmaterial für das Originalton-Hörspiel ‘Die Wörter sind böserdb_westwaerts.amazon(WDR 1974, 49 Min.), einer wilden Sound-Collage aus Alltags-Beobachtungen und -geräuschen, spontanen Interviews mit Unbekannten, Befragungen seiner Frau Maleen und seines Sohnes Robert, Erinnerungen und literarischen Texten.

Die ungestüme Auseinandersetzung mit seinem Kölner Autorenalltag versteckt sich nicht heuchlerisch zwischen den Zeilen, sie ist kompromißlos und direkt. Der Solitär des literarischen Undergrounds skizziert mit schmerzender Genauigkeit seine fatale Lebenssituation, liefert wütende Sprachansichten einer miesen Realität, die ihn quält und verzweifeln läßt. “Wie wir durchkommen, ist mir oft selbst unklar. Die ganze Gegend, die Bekannten, sind alle abgepumpt. ... dauernd Mahnungen, Drohungen, Rechnungen, Zahlungsbefehl.” Brinkmanns Radiomontage ist der hart geschnittene ‘Hör-Ausdruck’(RDB) seiner Idee vom Gedicht als ‘snapshot’ und der Literatur als ‘Film in Worten’(Kerouac).

Brinkmanns Zorn
Die zwischen Oktober und Dezember 1973 entstandenen Originaltonaufnahmen, zahlreiche Instamatic-Fotos, Super8-Filme und Foto-Text-Collagen aus den letzten beiden Jahren vor Rolf Dieter Brinkmanns tödlichem Verkehrsunfall 1975 in London sind das Ausgangsmaterial für den Film ‘Brinkmanns Zorn’ von Harald Bergmann. Bereits zum 30. Todestag wurde mit ‘Wörter Sex Schnitt’ (BR 2005, 325 Min.) eine Auswahl der Tonbandarbeiten aus dem Nachlass Brinkmanns veröffentlicht.rdb_5cd.amazon Bergmanns Collagen-Film versucht sich an dem Experiment, dem ‘atemlosen Sprechen’ Rolf Dieter Brinkmanns ein szenisches Bild zu geben.

Gedreht wurde an den Originalschauplätzen in Köln, Rom, Longkamp, Cambridge und London. Produziert wurde das Dichterportrait als Stummfilm mit zum O-Ton lippensynchron agierenden Schauspielern. Die sich dabei einstellenden leichten Asynchronitäten kann die geschickte Handkamera von Elfi Mikesch oft in der Bewegung und der damit verbundenen Unschärfe verbergen. “Wir haben in drei Kapiteln gearbeitet, entsprechend der drei Medien-Grundlagen für den Film: Filmaufnahmen, Tonbänder und Arbeitsbücher”, erläutert Regisseur Bergmann seine Arbeitsweise. Im Feinschnitt stutzt er den 5-stündigen ‘Directors Cut’ in die nun vorliegende gut 100-minütige Kinofassung.

Authentische Emotionen
produzierte Brinkmann in allen Formen der Tonbandarbeit. Mit Stimme, Mikrofon und Bandmaschine experimentierte er in einer Vielfalt von Textvarianten und cut-up inspirierten Band-Montagen. Manche Aufnahmen bleiben fragmentarisch, brechen mitten im Satz ab. Bereits bei der Zusammenstellung der Audio-Edition war klar, dass nur eine einfache wie radikale Lösung dem Werk Brinkmanns gerecht werden kann: die Aufnahmen als readytapes so zu belassen, wie sie vorgefunden wurden.

Bestimmend für den Rythmus der filmischen Biografie sind die Wechsel zwischen wütenden Streifzügen Brinkmanns durch die hassgeliebte Kölner Innenstadt und privaten Szenen in seiner Wohnung. Bergmann zeigt den sensiblen Provokateur in inszenierten Interviews mit seiner Frau Maleen und Gesprächen mit dem sprachbehinderten Sohn Robert, und bleibt dabei visuell distanziert. Erklärende Halbtotalen wirken in vielen Passagen ungenau und vergewaltigen die gnadenlose sprachliche Fülle der Tonspur. Sonderbar konventionell erliegt Bergmann am Ende des Films der Faszination des Portraitierten und scheitert an der bildlichen Auflösung der Worte. Dramatisch stirbt die Kultfigur im rotierenden Blaulicht. London Frühjahr 1975.

Es gibt nur eine individuelle Wahrheit
Um die wirkliche Intensität der Stimme Brinkmanns zu spüren, bedarf es keiner fiktiven Bilder. Die Ausdruckskraft seiner Sprache hat nach 30 Jahren nichts eingebüßt, im Gegenteil. Heute schlagen Brinkmanns ‘böse Wörter’ wie donnernde Kometen aus einer anderen Zeit in die Fluten geschwätziger audiovisueller Banalitäten. “Alles was ich sehe, jedes Detail, erfüllt mich mit einer ungeheuren Wut. Und am besten wünschte ich, dass es nicht dort wäre wo es gerade ist.” Rolf Dieter Brinkmann sah seine “Tätigkeit des Schreibens als Widerstand gegen das Herumtoben der Welt”. Zu netter Kaffeehausmusik im Hintergrund abgemischt: “Ich bin kein Dichter. Ich fühle den Schmerz, ich fühle die Gummiwände. Ich fühle die furchtbaren Gummiwände, die furchtbaren Mauern, die Brandmauern, die engen Abteilungen in denen jeder lebt. Und dann sage ich mir: Scheiß drauf. Die Gegenwart ist ein Verrücktenhaus, voller Gummiwände, voller Mauern, voller kleiner Räume in denen lebendige Körper leben. Und da sollen sie sich ausdrücken? Ein riesiger Unsinn, ein riesiger Unsinn, der läuft.”

Posthum erfährt Rolf Dieter Brinkmann eine zunehmende Beachtung durch die Erst- und Neuauflage seiner Werke, ein fragwürdiges Filmprojekt und andere Zufälligkeiten. ‘Brinkmanns Zorn’ ist keine formatsprengende Tonbild-Collage geworden, bietet aber eine erste Kontaktmöglichkeit. Beim Betrachten des Films sind persönliche Experimente zulässig, schließen sie immer wieder die Augen vor den Filmbildern. Gestalten sie eine individuelle Fiktion aus dem Zusammenspiel ihrer inneren Bilder mit dem Originalton Brinkmanns. Oder können sie sich das nicht vorstellen? “Hier ist die Maastrichter Straße. Jetzt pinkel ich an der Maastrichter Straße. Es ist kalt heute Abend. Jetzt knöpfe ich den Hosenschlitz auf, Taxi fährt an, Schwanz raus, jetzt schiffe ich.”

Uwe Haack


Brinkmanns Zorn
Schauspieler :
Rolf Dieter Brinkmann - Eckhard Rhode
Maleen Brinkmann - Alexandra Finder
Robert Brinkmann - Martin Kurz
Henning - Rainer Sellien
Linda - Isabel Schosnig
Konrad - Baki Davrak
Regie, Buch, Schnitt : Harald Bergmann
Kamera : Elfi Mikesch, Harald Bergmann
Produktion : Harald Bergmann Filmproduktion in Koproduktion mit dem WDR, 2006

foto : Brinkmanns Zorn, Presseheft | screenshot

links :
Rolf Dieter Brinkmann wikipedia
brinkmannszorn.de
Brinkmanns Zorn/filmpresse Pressematerial, Fotos, mp3
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