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KUNST = WERBUNG

Raymund Heller präsentierte zum ersten Charles Wilp-Event der Stadt Düsseldorf eine umfassende Sichtung des vielfältigen Schaffens von einem der faszierendsten Künstler des 20. Jahrhunderts.

Der Werkband KUNST IST WERBUNG, der kurz nach dem Tod des Werbegurus vor zwei Jahren in einer limitierten Edition von 3.333 Exemplaren vom Droste Verlag herausgegeben wurde, ist eine vergnügliche Entdeckungsreise durch weitestgehend unbekannte künstlerische Areale.

wilp mona lisa kontakt
Ausschnitt aus dem Kontaktbogen der
'Mona Lisa des 20. Jahrhunderts'

Das im Titel des Buches verwendete Zitat von Charles Wilp kündigt bereits an, dass zwei nach gängigem Kunstverständnis unvereinbare Bereiche, Kunst und Werbung, miteinander verknüpft werden. 'Werbung ist für uns heute eine Kombination aus zielgerichteter Funktionalität und dekorativer Ornamentik. Zudem unterliegt sie dem profanen Diktat der Marktwirtschaft, welches wir in ungebrochener Naivität für die Kunst negieren. Im Unterschied zu den schönen Künsten sehen wir in der Werbung kein Medium zur Verfolgung höherer Ziele und auch keinen Ausdruck tiefgründiger Ideen' beschreibt Heller eine Hierarchie, die bis heute gültig ist, deren Normen und Regeln Charles Wilp kalkuliert durchbrochen hat.

Das modular aufgebaute Buch lässt in 4 Themenbereichen Querverweise zu, und folgt keinem zeitlichen Ordnungsschema. Die CLASSICS zeigen frühe SW-Fotoarbeiten, z.B. 'Kunst passiert in den Hinterhöfen', die 1952-57 in Düsseldorf und Paris entstanden sind. Zwischen Studioskizzen von den Dreharbeiten zu Christos 'Package of a Nude Woman', Paris 1962 und Aktionsfotos zu Yves Kleins 'Antropometrie' (Paris, 1960) findet sich in der Werbeanzeige für die Firma Pirelli ein Hinweis, dass Charles Wilp bereits Anfang der 50er/20te die Werbung als kreatives Medium entdeckte. Er provoziert, polarisiert. 'Ich brauche die Reibung, den Kontrast. Als Mitarbeiter von Yves Klein kenne ich die Brücken zum Einsatz immaterieller Zonen, diese Brücken sind in meinen Arbeiten fühlbar. Meine Ansprache ist zunächst antikapitalistisch, den Markt durcheinander zu bringen und Überfluss zu erzeugen.' Wilp hat gezielt damit gespielt, dass er manipuliert und verführt. Dem Verbraucher 'ist die Möglichkeit gegeben, sich zu wehren oder aus Lust am Spiel freiwillig teilzunehmen.'

wilp mona lisa
Mona Lisa des 20. Jahrhunderts, 1965

Zahlreiche Plakate und Fotos der ikonenhaften 'sexy-mini-super-flower-pop-op-cola'-('alles ist in AFRI-COLA...')-Werbung sind im Modul THE SPIRIT OF THE SIXTIES zu sehen, mit der sich Wilp absoluten KULTstatus erarbeitet hat. 'Zum Aufbruch Deutschlands aus den fünfziger Jahren in die Moderne lieferte Charles Wilp die Bilder' fassen es Silke Hohmann und Harry Nutt in einem Nachruf¹ zusammen. 'Es war nicht richtig zu hören, was die Sirenen - Amanda Lear war darunter, Donna Summer und Marsha Hunt - hinter der vereisten Glasscheibe sirrten. Auch was sie dort taten, blieb weitgehend undurchsichtig ... Aber ganz egal, die lasziven Lockrufe aus dem unterkühlt-heissen Weltraum-Nymphen-Paradies waren trotzdem zu verstehen. Sie sagten: 'Komm zu uns, auf die andere Seite'. Dahin, wo die neuen Gefühle, Bilder und Sinneswahrnehmungen warten. Dahin also, wo eigentlich alle hinwollten. Nur durften es nicht alle zugeben.'

Als kommerzielle Speerspitze der Provokation konnte Wilp auf den Hype noch bis Mitte der 70er/20te bauen, dann kehrte verkrampfte Aufarbeitung und gesittete Ordnung mit Berufsverboten und Rasterfahndung verdächtiger staatsfeindlicher Objekte in die deutschen Lande ein. Vorbei mit der kurzen Zeit irritierender Experimente. Charles Wilp zieht es in orientalische Wüstenregionen, die sein visionäres Potential besser zu nutzen wissen, als es die recht rasch wieder bieder gewordene Heimat vermag.

Das liebevoll zusammengestellte Buch geht auch auf das Spätwerk SPACE ART ein. Für Heller unterscheiden sich die im Atelier komponierten Collagen und Modelle 'mit ihrer dem Erhabenen dienenden visuellen Poesie ... in ihrer Methode stark von allen anderen uns bekannten Visualisierungsversuchen und sind von weit grösserer Ausdruckskraft.'

Zwischen der tabubrechenden Werbung und seiner radikal sinnlichen SpaceArt schweben die Bunnies. Die ersten nackten Busen in der Werbung und wollüstig stöhnende Nonnen brachten die Schwerelosigkeit in sein Atelier. Charles Wilp erlaubte uns immer einen Blick hinter die Kulissen seiner Verführungskunst, Raymund Heller dokumentiert diesen Schritt mit Kontaktabzügen der Arbeitsstudien, wie den der 'Mona Lisa des 20. Jahrhunderts', die erstmalig auf der Photokina 1965 in Köln zu sehen war.

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Composing, Düsseldorf 1971

Charles Wilp inszenierte die letzten Jahre völlig losgelöst von beklemmenden irdischen Anziehungkräften, skizzierte einen visionären künstlerischen Kontext als von Astronauten und Kosmonauten gemeinsam ernannter ARTronaut. 1995 flog Wilp als ESA-Probant und erster Künstler-ARTronaut 40.000 Fuss über dem Nordatlantik im ZeroG der Schwerelosigkeit. Bei den Parabelflügen der ESA entwickelte er sein Kunstprojekt ARTRO und die Idee von einem Kunstmodul MICHELANGELO-WXLP-WILP an der ISS. 'ARTRO als Ausdruck von Schwerelosigkeit ist die Triebfeder aller Kreativität des neuen Jahrtausend. Fantasie plus Erkenntnis bringt den Menschen das neue sinnliche Glücksgefühl' beschreibt Charles Wilp seine ganzkörperliche Kulturvision. 'Meine Putten sind die schwerelos-sexy heranschwebenden Bordärztinnen, die Flying Lucies.'

Ich glaube, ich habe bei der Fee noch einen Wunsch frei, daher würde ich einen folgenden 'Charles Wilp-Event 2' anmelden, der ausschliesslich sein fotografisches Werk facettenreich enthüllt, zusammen mit einem Folgeband, ebenfalls kuratiert von Wilps ehemaligem Schüler Raymund Heller. Für die elementar radikale SpaceArt brauchen wir noch etwas Vorbereitung, zwar brennend aktuell zur irdischen Konsumkultur und den daraus resultierenden Problemen, doch scheinen die Konflikte noch nicht anschaulich genug zu sein, um tatsächlich individuell in die Vorleistung gehen zu müssen.

Charles Wilp wäre heute 75 geworden.

Uwe Haack

kunst = werbung


:. www.wilp
:. Charles Wilp Feature | shortlist

¹ Silke Hohmann, Harry Nutt : Der geheime Verführer
Botschaften von der anderen Seite: Der super-sexy-mini-flower-pop-op Werbefilmer und Künstler Charles Wilp ist gestorben
in : Frankfurter Rundschau vom 04.01.2005